Warum man Spiele von RB Leipzig NICHT boykottieren sollte

Bald geht die Bundesligasaison (endlich!!!) wieder los. Und in diesem Jahr müssen die Traditionsvereine der ersten deutschen Fußballliga nach langer Zeit wieder in den Osten nach Leipzig. Doch der dortige Verein RB (Rasenballsport/RedBull) Leipzig wird gerade von Anhängern traditionsreicher Vereine wie Bayern, Dortmund, Schalke, Köln, Hamburg und Co gehasst. Deshalb kann man erwarten, dass die Spiele gegen das neue Projekt des österreichischen Brausemillionärs Dietrich Mateschitz – wie auch schon von vielen Zweitligisten in der vergangenen Saison – von Auswärtsfans boykottiert werden. Das wäre allerdings ein Fehler!

Selbstverständlich ist die Entwicklung rund um den Retorten-„Verein“ RB Leipzig mehr als bedenklich: ein Konzern sucht sich eine Stadt/Region aus, die nach Bundesligafußball dürstet, die ein modernes, schönes Stadion hat, in deren Umkreis von 200 km kein Bundesligafußball zu sehen ist und gründet mit allerlei Tricks einen „Verein“. Und wozu? Um ihr Produkt noch besser zu vermarkten. Zugegeben, die Standortwahl mit Leipzig war natürlich perfekt. Deswegen funktioniert das ganze Marketingprojekt ja auch so gut. Und genau deshalb sollte man dieses Spiel eben NICHT boykottieren!

Man kann den RB-„Fans“ doch nicht das Feld überlassen

Stadioninnenraum
Stadioninnenraum

Ich war in der vorletzten Saison bei zwei Heimspielen von RB Leipzig, da ich zum einen sowieso in der Stadt war und weil mich zum anderen das Stadion interessiert hat. Darüber hinaus wollte ich außerdem mal wissen, wie die Stimmung bei einem RB Spiel im und ums Stadion so ist. Beide Spiele wurden von den Fans der Gastmannschaften boykottiert. Die Gegner waren der FC Ingolstadt (der mehr als Audi und weniger traditionslos ist, als man gemeinhin denkt) und der SV Darmstadt. Besonders auffällig dabei war gerade im Spiel gegen Darmstadt, bei dem es für beide Mannschaften noch um den Aufstieg ins deutsche Oberhaus ging, dass die Fans von RB Leipzig tatsächlich für eine recht gute Stimmung sorgten. Diese war sogar besser als bei den seit Jahren eigentlich in der ersten Liga etablierten Werksmannschaften aus Leverkusen und Wolfsburg. Woran lag das? Da kein Gegengewicht aus dem Gästeblock kam, war die Wahrnehmung des durchaus guten, weil lauten, kreativen und dauerhaften Supports der Leipziger intensiver, als wenn die Gästefans dagegen gesungen hätten. Den Heimfans von RB Leipzig wurde also das Feld vollkommen kampflos überlassen. Mit kampflos ist hier natürlich nicht körperliche Gewalt gemeint, sondern stimmungstechnisch akustischer und visueller Support. Wieso wird diese Chance verschenkt den Marketingleuten und Markenbotschaftern – also den „Fans“ – von RB mal zu zeigen, was einen Traditionsverein ausmacht und warum diese so viel Unterstützung und Sympatien erfahren. Hierbei ist es besonders wichtig auf Aggressionen, Gewalt und Pyrotechnik seitens der Gastmannschaft zu verzichten. Gehören diese drei Dinge sowieso nicht ins Stadion, ist es in Leipzig um so wichtiger zu zeigen: friedlicher (ohne Aggressionen oder Gewalt) und gesetzestreuer (ohne Pyro) Support ist auch bei Traditionsmannschaften möglich und dort auch viel schöner als in Leipzig. Wenn die Leipziger was anderes möchten, können sie auch zu „ihren Traditionsvereinen“ Chemie oder Lokomotive Leipzig gehen.

Leipzig ist immer eine Reise wert

Aber auch städtetechnisch wäre ein Boykott des Auswärtsspiels bei RB für alle Auswärtsfans mehr als schade. Denn von der Schönheit her braucht sich Leipzig nicht hinter, bei Fans äußerst beliebten Auswärtsstädten wie beispielsweise Hamburg oder München, verstecken. Die Innenstadt ist wirklich traumhaft und lädt gerade im Sommer, aber auch im Winter mit tollen Kneipen mit teilweise äußerst fanfreundlichen Preisen zum Verweilen über ein ganzes Wochenende ein. Und auch kulturell hat die Stadt einiges zu bieten: nur kurz erwähnt sind hier das Gewandthaus oder die Oper. Und der Weihnachtsmarkt ist auch einen Besuch wert, wenn das Auswärtsspiel „richtig“ liegt. Zudem ist das Stadion fußläufig vom Hauptbahnhof beziehungsweise der Innenstadt aus zu erreichen. Was mich zum nächsten Punkt führt:

Eines der schönsten Stadien der Liga

Das Stadion in Leipzig ist eigentlich eine klassische, neue Multifunktionsarena, wie sie auch in München, Gelsenkirchen, Hamburg oder Stuttgart stehen könnte. Dennoch versprüht das Stadion, das extra zur WM 2006 in Deutschland neu gebaut wurde, einen Hauch von Nostalgie und Geschichte. Das Stadion, das heute den unsäglichen Namen Red Bull Arena trägt, wurde direkt innerhalb der Zuschauerränge des alterwürdigen „Stadions der Hundertausend“, wie das alte Rund im Volksmund noch immer genannt wird, gebaut. Um ins neue Stadion zu kommen, muss man außen den Wall erklimmen um oben auf das neue Stadion blicken zu können und innen dann erst wieder hinunter um hinein zu gelangen. Das dürfte wohl einzigartig sein und lohnt sich wirklich mal gesehen zu haben. Die Einlassbereiche vor dem Stadion und das Hauptgebäude sind außerdem noch vom alten Zentralstadion übrig geblieben. Hier fand das Fussball-Punktspiel mit dem höchsten Zuschauerschnitt Deutschlands aller Zeiten statt: SC Rotation Leipzig gegen SC Lokomotive Leipzig am 9. September 1956. Endstand 1:2. Zuschauer: 100.000! Das alte, aus Kriegstrümmern erbaute Zentralstadion war das zweitgrößte Stadion Europas und sogar größer als das Camp Nou in Barcelona. Allein deshalb lohnt sich ein Besuch des Auswärtsspieles in Leipzig.

Stadionaußenraum mit den „Ruinen“ des alten Stadions

Leipzig als traditionsreiche, deutsche Fußballstadt

Hinzu kommt auch, dass Leipzig als Stadt für den deutschen Fußball von großer Bedeutung ist. Vielleicht auch mit ein Grund, warum sich RB diesen Standort ausgesucht hat. In Leipzig wurde am 28. Januar 1900 der Deutsche Fußball Bund gegründet. Und auch der erste offizielle deutsche Fußballmeister kommt aus Leipzig: Am 31. Mai 1903 besiegt der VfB Leipzig in Hamburg-Altona den Deutschen FC Prag mit 7:2. Dies alleine ist natürlich kein Grund nach Leipzig fahren zu müssen, aber dennoch ein interessanter Nebenaspekt, den man kennen und auch schätzen sollte.

Das erste Auswärtsspiel einer Mannschaft im deutschen Oberhaus bei RB Leipzig bestreitet ausgerechnet „mein“ BVB. Aktuell wird in Fankreisen diskutiert, ob das Auswärtsspiel bei RB Leipzig boykottiert und stattdessen die 2. Mannschaft auswärts unterstützt werden soll. So gerne ich auch zu den Amateuren gehe, dieses Spiel gegen RB Leipzig sollte auf keinen Fall boykottiert werden – von keiner Fangruppierung in Deutschland. Lasst uns lieber laut, kreativ und friedlich gegen das Marketingprojekt eines österreichischen Brauseherstellers demonstrieren – auch und ganz besonders in deren Stadion! Auf unser Geld für die paar Eintrittskarten sind die nämlich wirklich nicht angewiesen. Bis dahin heißt weiterhin die Devise: Red Bull boykottieren, Wodka pur servieren!

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