Tag 13 – 1.000 km, 5 Länder, 4 Grenzen, 17 Stunden Fahrt, 90 Minuten Fußball

Wie im Blogartikel zu Tag 12 schon erwähnt, mussten bzw. wollten wir um 5 Uhr morgens aufbrechen. Trotz Party am Abend zuvor. Wir hatten nämlich noch einiges vor uns am heutigen Tag. Besser gesagt hatten wir noch 800 km durch fünf Länder, über vier Grenzen (davon zwei EU-Außengrenzen) in 17 Stunden für 90 Minuten Fußball zu fahren. Aber der Reihe nach.

Normalerweise benötigt man für die Einreise nach Russland ein Visum, das relativ kompliziert zu bekommen und mit der Offenlegung einiger privater Dinge wie bspw. einem Gehaltsnachweiß verbunden ist. Zudem benötigten wir eigentlich ein Double-Entry-Visum, da wir ja auch noch nach Kaliningrad wollten. Jetzt ergab es sich, dass dieses Jahr die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgetragen wird. Und für alle Ticketinhaber gab es erleichterte Visa-Bedingungen in Form einer so genannten Fan-ID. Diese berechtigt jeden, der sich ein Ticket gekauft hatte zum Grenzübertritt nach Russland in der Zeit von zehn Tage vor der WM bis zum Tag des Finales und zum Grenzübertritt aus Russland von der Zeit vom Eröffnungsspiels bis zehn Tage nach dem Finale. Für welches Spiel man dabei Karten hat (oder ob man überhaupt noch Karten hat – man kann sie natürlich auch wieder regulär verkaufen), spielt keine Rolle. Außerdem darf man in Russland mit der Fan-ID den ÖPNV in den Austragungsorten, sowie die Fan-Züge zwischen den Austragungsorten kostenlos nutzen. Wirklich eine sehr coole Geschichte, die wir wegen der Rallye allerdings natürlich nicht benötigten. Dennoch ganz cool.

WM-Ticket statt Visum

Lange Rede, gar kein Sinn: Wir wollten also kein Visum, sondern ein WM-Ticket beantragen, damit wir leichter ein Visum bekommen sollten und wir uns außerdem noch ein Spiel bei der WM anschauen könnten. Wie es der Zufall so will, fand in St. Petersburg genau am dem Tag ein Spiel statt, an dem wir laut Roadbook die Stadt erreichen sollten. Leider waren die Tickets extrem schnell verkauft und wir hatten keine Chance für das Spiel welche zu bekommen. Ein Alternativplan musste her:

  • Variante 1: wir kaufen irgendein Ticket, beantragen die Fan-ID und verkaufen das Ticket dann über die FIFA wieder oder lassen das Ticket verfallen.
  • Variante 2: wir kaufen ein Ticket für das Spiel England gegen Belgien am 28.6. in Kaliningrad und fahren etwas schneller durch das Baltikum. Denn die eigentliche Ankunft in Kaliningrad war für den 29.6. geplant.

Natürlich war uns sofort klar, dass nur Variante 2 für uns in Frage käme, da wir dann wenigstens ein Spiel auf der Tour sicher haben würden. Das hieß für uns dann eben auch, dass wir sehr früh aufstehen mussten und das Baltikum komplett an einem Tag durchqueren mussten. Außerdem standen noch zwei Challenges an, die wir auf dem Weg absolvieren mussten.

Challenge im versunkenen Gefängnis

Die erste führte uns südwestlich von Tallinn an ein altes Gefängnis und Arbeitslager aus der Sowjet-Zeit, das davor von den Deutschen auch als KZ genutzt/errichtet wurde. Dieses ist seit Anfang der 90er Jahre verlassen und verfällt so langsam. Zudem hat sich mit der Zeit in der angrenzenden Kalksteingrube Wasser angesammelt, sodass ein glasklarer See entstanden ist, der auch einige Gebäude des Gefängnisses teilweise unter Wasser gesetzt hat. Die Aufgabe bestand darin in diesem See schwimmen zu gehen. Da wir sehr früh angekommen waren, waren alle Tore verschlossen, die alte Mauer um das Gelände aufgrund von Stacheldraht nicht zu überwinden und es patrouillierte ein Wachhund. Es war für uns also kein hineinkommen zu den versunkenen Gebäuden. Deshalb fuhren wir auf die andere Seite des Sees und Christina ging für uns beide und das Challenge-Foto ins Wasser.

An gleicher Stelle erledigten wir auch gleich noch eine weitere Fotochallenge. Wir sollten ein Foto eines „Russian-looking Bond Girls“ machen. Dazu musste Christina herhalten und mit Messer am Bikini wie Halle Berry in Stirb an einem anderen Tag aus dem See kommen.

Challenges Completed und damit weiter gen Russland

Anschließend ging es wieder mit Tempo weiter in Richtung Süden. Allerdings nicht, ohne die Tausch-Challenge weiter voran zu treiben. In Estland bekamen wir für unser Moskitospray aus Norwegen ein Taschenmesser mit Flaschenöffnern, auf dem „Estonia“ stand. In Lettland (wir merkten erst gar nicht, dass wir über die Grenze gefahren waren) gab es dafür dann ein noch eingeschweißtes Handtuch. In Litauen haben wir es leider vergessen rechtzeitig zu Tauschen. Hier haben wir wenigstens die Challenge vom nächsten Tag schon mal vorbereitet und kurz am Berg der Kreuze, der direkt an unserer Route lag, gehalten, um ein selbstgebautes Kreuz und einen Wunsch da zu lassen.

Gegen 16 Uhr erreichten wir dann die litauisch-russische Grenze. Wir hatten von hier aus noch vier Stunden bis Spielbeginn und ca. eine Stunde Fahrt vor uns. Erst mal ging bei der Ausreise allerdings nichts vorwärts. Wir warteten und warteten und ich wurde immer nervöser. Irgendwann bin ich dann mit einem Weißrussen, der ebenfalls Karten für das Spiel hatte, zur Zollkontrolle vor und habe gefragt, ob man das alles nicht beschleunigen könne. Könne man nicht, sagte man uns, aber die Russen machen schnell. Das ist ja gut zu hören, aber dazu müssen die Litauer uns ja erst mal zu den Russen vorlassen…

Zeitdruck an der Grenze

Irgendwann wurde dann die Zufahrt zur Grenze geöffnet, alle Autos vor uns in die volle Schlange gelotst und wir durften an den freuen Grenzposten heranfahren. Sie beschleunigten das Verfahren für uns also doch. 🙂

Nach 45 Minuten waren wir dann auch aus Litauen und damit der EU ausgereist und auf dem Weg nach Russland. Hierbei ging es über einen Fluss und dann zum russischen Grenzposten. Diese waren sichtlich bemüht uns schnell einreisen zu lassen und dennoch ihre Arbeit gewissenhaft zu erledigen. So durften wir mal wieder alle Türen öffnen und die Grenzbeamten ins Auto schauen lassen und ihnen erklären, was wir da auf dem Dach haben. Das russische Wort für Zelt werde ich wohl nie wieder vergessen: Palatka. Zu guter Letzt mussten wir noch schnell die Motorhaube öffnen und dann wurden wir auch schon durchgelassen. An der russischen Grenze brauchten wir lediglich 25 Minuten. Wir waren also in 1:10 Stunden über die Grenze gefahren. Rekordverdächtig!

Vollgas Richtung Stadion

Wie schön sind doch offene Grenzen, dachten wir uns, während wir mit höchstem Tempo in Richtung Stadion wandten. Eben noch kurz getankt (bei umgerechnet 60 Cent für den Liter muss man das ja ausnutzen) und dann mit russischem Fahrstil weiter. Um 18:45 Uhr Ortszeit erreichten wir ziemlich genau 15 Stunden nach dem Aufstehen den großen P+R-Parkplatz zum Stadion. Wer jetzt aufgepasst hat, denkt sich sicherlich: Moment! Zwischen 4:45 Uhr und 18:45 Uhr liegen doch „nur“ 14 Stunden!? Das ist für sich gesehen schon richtig, allerdings befinden sich das Baltikum und Kaliningrad in unterschiedlichen Zeitzonen und so hatten wir eine zusätzliche Stunde als Puffer! 😉

Mit dem Busshuttle ging es dann zum Stadion. Wir brauchten dafür keine zehn Minuten und müssen sagen, dass die Organisation in Russland rund um die WM wirklich hervorragend ist. Dazu aber zu gegebener Zeit nach unserer Reise mal mehr bei uns im Blog. Wir waren also gegen 19 Uhr am Stadion. Nach kurzem Fußmarsch ging es dann durch die intensivsten Sicherheitskontrollen, die ich je an einem Stadion erlebt habe, rein ins Stadion. Noch eben was zu Essen und zu Trinken geholt – Bezahlung nur mit Rubel oder ausschließlich Visa-Karte. Danke FIFA… ^^

Das Spiel selbst war gar nicht so schlecht und vor allem die Belgier spielten einen richtig schönen Fußball. Die Engländer überzeugten dabei hingegen vor allem mit einigen witzigen Gesängen. Ein Mal stimmten sie beispielsweise „auf wiedersehen“ als Gruß in Richtung Deutschland an – fies, aber irgendwie auch amüsant. Häufiger hörte man die Zeilen „Oh, England is in Russia. Oh, drinking all your Wodka.“ – wirklich seeeehr witzig! 🙂

Das Spiel ist vorbei – und jetzt?

Nach dem Spiel ging es dann mit dem Shuttlebus zurück zum Parkplatz. Im Auto überlegten wir uns dann, wo wir übernachten sollten. Wir entschieden uns dazu erst mal in Richtung russisch-polnische Grenze im Süden zu fahren und auf dem Weg dorthin zu schauen, wo wir unser Dachzelt aufklappen könnten. Und plötzlich war die Grenze auch schon da. Also noch eben den Tank bis zum Rand gefüllt und rein in den Grenzbereich. Es war relativ wenig los und hauptsächlich Fußballfans da. Vor uns stand ein Sprinter mit drei belgischen und vier englischen Fans, die in Danzig im selben Hotel übernachteten und spontan beschlossen hatten gemeinsam zum Spiel zu fahren. Hier nutzten wir unsere letzte Chance und vollzogen den Tausch auf russischem Boden. Für unser neues Handtuch bekamen wir einen Belgienschal.

Raus aus Russland – rein nach Polen

Nach 25 Minuten waren wir aus Russland ausgereist. Wir legten noch einen kurzen Zwischenstopp im Duty Free Shop ein, kauften ein bisschen Wodka und fuhren zur polnischen Grenze. Hier mussten wir das erste Mal an einer Grenze unser Dachzelt aufmachen. Die polnischen ZollbeamtInnen waren absolut begeistert und wir sahen, wie sie in ihrem Zollhäuschen ihren KollegInnen davon erzählten. Plötzlich hörten wir in unserem Rücken jemanden auf Deutsch sagen: „Ach, ihr habt ein Dachzelt dabei?“. Wir drehten uns um und ein freundlich grinsender deutscher (!) Zollbeamte, der hier an der EU-Außengrenze Dienst hat, stand vor uns. Er war äußerst interessiert an unserer Tour und so unterhielten wir uns eine gute viertel Stunde lang bis die polnische Kollegin kam und meinte, wir sollen doch endlich mal einreisen, damit die anderen hinter uns stehenden Fahrzeuge auch weiter können. Ein wirklich witziger Moment, an den wir noch lange denken werden. Und an den deutschen Zollbeamten: Wenn Sie das hier lesen, wir vermissen ihre Spende an die Neven Subotic Stiftung! 😉 Insgesamt brauchten wir deshalb übrigens auch 25 Minuten an der polnischen Grenze und insgesamt 50 Minuten für den gesamten Grenzübertritt (die Zeit im Duty Free ausgenommen). Ohne das nette Gespräch wären wir sogar in 35 Minuten durch gewesen.

Endlich angekommen

In Polen fanden wir dann noch eine echt schöne Stelle zum Übernachten. Total abgelegen, ruhig und direkt an einem See. So fielen wir dann nach insgesamt 17 Stunden Fahrt (inkl. Stehen an der Grenze), fast 1.000 km, fünf Ländern, vier Grenzen und 90 Minuten Fußball glücklich ins Dachzelt.

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