Deutsche sind Fan der deutschen Nationalmannschaft – muss das sein?

Es gibt viele Gründe Fan einer Vereinsmannschaft zu werden. Vielleicht sind die Bayern gerade erfolgreich, als man  anfängt sich für Fußball zu interessieren. Vielleicht ist der Vater VfB-Fan und gibt diese Leidenschaft an seine Kinder weiter. Vielleicht haben einem zu Beginn der eigenen „Karriere“ auch einfach die neongelben Trikots des BVB gefallen. Vielleicht fand man aber auch Ulf Kirsten geil und ist deswegen Fan von Leverkusen geworden. Oder man kommt eben aus Frankfurt bzw. dem Umland und ist deshalb Supporter der Eintracht. Es kann also viele verschiedene Gründe geben, um Anhänger einer Vereinsmannschaft zu werden – alle habe ich ganz sicher auch nicht aufgezählt. Aber es gibt nur ein entscheidendes Kriterium, warum man mit einer Nationalmannschaft  mitfiebert: wo man geboren wurde. Aber muss das wirklich sein?

Genau wie man als Fan eines Vereins verschiedene Gründe anführen kann, sollte das doch auch für eine Nationalmannschaft gelten, oder? Kann man denn nicht Italien-Fan sein, obwohl man Deutscher ist? Einfach, weil man dort regelmäßig in den Urlaub fährt, Land und Leute toll findet und man die Spielweise sowie die Spieler bevorzugt? Natürlich spielen bei der „Auswahl“ einer Nationalmannschaft nicht nur die Herkunft eine Rolle, sondern eben auch, dass der Vater Fan der Nationalmannschaft sein kann oder der ein oder andere Lieblinsspieler aus „seiner“ Vereinsmannschaft spielt.

All das trifft auch auf mich zu. Ich bin in Deutschland geboren, genau wie meine Eltern und Großeltern. Außerdem verfolgt auch mein Vater die Spiele der Nationalmannschaft interessiert. Mit Julian Weigl ist aktuell sogar ein Dortmunder Spieler im Kader des deutschen Teams. Auch die letzten Turniere waren immer Spieler aus Dortmund dabei. Dennoch verfolge ich die Spiele der Nationalmannschaft nicht (mehr) als Fan. Woran liegt das?

Zum einen finde ich es schwer Spielern zuzujubeln, die ich während der Bundesligasaison auspfeife. Wenn ich den Neuer, unbestritten ein überragender Keeper, während des Jahres nicht leiden kann, wieso soll ich ihm dann im Nationaldress zujubeln? Klar, auch beim BVB gibt es Spieler, die ich nicht so gut leiden kann – aber das sind doch eher wenige. Es kann nunmal nicht jeder ein Neven Subotic sein. 🙂 In der Nationalmannschaft spielen aber viele Bayern und auch einige Schalker. Sie jetzt zu unterstützen finde ich eher komisch.

Zum anderen – und das ist der Hauptgrund, warum mich Spiele der deutschen Nationalmannschaft kaum mehr emotionalisieren – nervt mich diese seit Jahren immer größer werdende Kommerzialisierung der Nationalmannschaft. Die heißt jetzt nur noch „Die Mannschaft“. Und Tickets für die EM bekommt man nur noch,  wenn man Mitglied im „Fanclub Nationalmannschaft sponsored bei Coca-Cola“ ist. Sponsored by Coca Cola. Ja geht’s noch!? Und was soll eigentlich dieses dämliche „Vive la Mannschaft“!? Klar, die EM findet in Frankreich statt und der Claim lautet nunmal „Die Mannschaft“. Aber muss das wirklich sein? Ist doch kacke! Mir macht das auf jeden Fall keinen richtigen Spaß mehr.

Bitte nicht falsch verstehen: ich kann mich noch immer herrlich über Löw aufregen, den ich trotz Weltmeistertitel noch immer nicht für einen großen Trainer halte. Auch diskutiere ich weiterhin gerne über Nominierungen, Aufstellungen und Taktik. Aber ich freue mich nicht mehr so über einen Sieg oder ärgere mich über eine Niederlage, wie noch vor zehn Jahren. Ich bin vom Fan zum interessierten Zuschauer geworden. Der Kommerz hat für mich gerade bei Nationalmannschaften die gesamte Emotionalität, die ich früher ein mal hatte, zerstört. Natürlich schaue ich mir die Spiele der deutschen Mannschaft bei der EM an. Aber ich schaue mir auch gerne die Engländer, Spanier, Italiener und Belgier an. Und noch ein paar andere Mannschaften. Falls Deutschland ins Finale kommt, dann schaue ich mir das Spiel wie auch schon 2014 interessiert an und lasse mich überraschen – egal gegen wen es geht. Und wenn wieder Mario Götze in der Verlängerung den Siegtreffer schießt, dann nehme ich das freudig zur Kenntnis. Nicht mehr und nicht weniger. Die deutsche Nationalmannschaft ist für mich einfach eine Mannschaft wie jede andere geworden. Das war mal anders. Schade Herr Bierhoff.

Eine Antwort auf „Deutsche sind Fan der deutschen Nationalmannschaft – muss das sein?“

  1. 100% Zustimmung. Geht mir wirklich haargenauso. Leider eigentlich… Aber man kann sich nun mal nicht selbst vorlügen, ein Team wäre einem wichtig, wenn es nun mal nicht (mehr) so ist. Glaube auch dass du mit deinen aufgeführten Gründen richtig liegst um dieses Phänomen zu erklären.
    Marco Reus, dem Pechvogel, hätte ich den EM Titel sehr gewünscht. Aber nun ist selbst er nicht mitdabei. Mir fehlt in „der Mannschaft“ leider einfach die Identifikationsfigur, die ich so sympathisch finde, dass ich ihr den Sieg von Herzen gönne und mit ihr mitleiden würde bei einer Niederlage.
    Schweini und Gomez sind vielleicht noch am ehesten solche Sportler.

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